Hintergrund · 7 Min. Lesezeit

Die Nachfolgewelle im Mittelstand: Warum jetzt so viele Übergaben anstehen

Über die Hälfte der Inhaber:innen im Mittelstand ist 55 oder älter. Was aktuelle Zahlen von KfW, IfM Bonn und Flossbach von Storch über die anstehende Nachfolgewelle sagen, und warum sie gerade jetzt ankommt.

Verwischtes Foto eines Weges, der in die Ferne führt

In Deutschland steht ein großer Generationswechsel bevor. Eine ganze Generation von Unternehmer:innen geht in den nächsten Jahren in den Ruhestand, und mit ihr stehen hunderttausende Betriebe vor der Frage: Wer macht weiter? Dieser Artikel ordnet die aktuellen Zahlen ein und erklärt, warum die Welle gerade jetzt ankommt.

Das Wichtigste in Kürze

  • 57 Prozent der Inhaber:innen im Mittelstand sind 55 Jahre oder älter, das sind über 2 Millionen Menschen (KfW).
  • Bis Ende 2029 wollen jährlich rund 109.000 Inhaber:innen ihr Unternehmen an eine Nachfolge übergeben (KfW).
  • Gleichzeitig planen jährlich rund 114.000 eine Stilllegung ohne Nachfolge (KfW).
  • Das IfM Bonn schätzt für 2026 bis 2030 rund 186.000 übergabereife Unternehmen (IfM Bonn).
  • Immer seltener übernimmt die eigene Familie. Der Verkauf an Externe wird wichtiger (Flossbach von Storch).

Grund 1: Die Inhaber:innen werden älter

Der wichtigste Treiber ist die Demografie. Laut KfW sind inzwischen 57 Prozent der mittelständischen Unternehmer:innen 55 Jahre oder älter. Vor 20 Jahren waren es nur 20 Prozent (KfW). Wer in den nächsten zwei Jahren übergeben will, ist im Schnitt schon über 66 Jahre alt, ein Viertel wird beim geplanten Rückzug älter als 70 sein.

Viele dieser Unternehmer:innen haben ihre Betriebe in den 1980er und 1990er Jahren gegründet oder übernommen. Diese Generation erreicht jetzt geschlossen das Rentenalter. Das ist der Kern der Nachfolgewelle.

Grund 2: Die Familie übernimmt seltener

Früher war die Nachfolge in der Familie der Normalfall. Nach einer Metaanalyse des IfM Bonn wurde gut die Hälfte der Familienunternehmen innerhalb der Familie übergeben, etwa 17 Prozent an Beschäftigte und 29 Prozent an Externe. In den letzten 15 Jahren hat die familieninterne Nachfolge leicht an Bedeutung verloren (IfM Bonn).

Eine aktuelle Studie des Flossbach von Storch Research Institute vom September 2026 beschreibt dieselbe Entwicklung: Immer mehr Familienunternehmen finden keine Nachfolge aus der eigenen Familie, der Verkauf gewinnt an Bedeutung (Flossbach von Storch). Kinder haben heute oft eigene Berufswege und wollen den Betrieb nicht übernehmen. Das ist kein Vorwurf, aber es verändert den Markt.

Grund 3: Bürokratie und wirtschaftliche Lage

Laut KfW hat Bürokratie als Grund für geplante Stilllegungen massiv an Bedeutung gewonnen (KfW). Viele Inhaber:innen fragen sich, ob sie den Aufwand einer Übergabe noch auf sich nehmen wollen. Dazu kommt die schwierige Konjunktur: Das IfM Bonn führt an, dass eine schlechtere wirtschaftliche Lage manche Übernahme für Interessierte weniger attraktiv macht (IfM Bonn).

Wie groß ist die Welle wirklich?

Hier lohnt ein genauer Blick, denn die Zahlen klingen je nach Quelle sehr unterschiedlich. Eine amtliche Statistik zur Unternehmensnachfolge gibt es nicht. KfW und IfM Bonn arbeiten mit verschiedenen Methoden:

  • KfW (Befragung von über 13.000 Unternehmen): rund 109.000 Nachfolgewünsche pro Jahr bis Ende 2029, also gut eine halbe Million in fünf Jahren. Gezählt wird, wer eine Nachfolge plant.
  • IfM Bonn (Schätzung auf Basis amtlicher Daten): rund 186.000 Übergaben von 2026 bis 2030, also etwa 37.200 pro Jahr. Gezählt werden nur Unternehmen, die wirtschaftlich übernahmewürdig sind (IfM Bonn, Juni 2026).

Beide Zahlen dürfen nicht addiert werden. Interessant ist ein Detail: Das IfM Bonn erwartet pro Jahr sogar etwas weniger Übergaben als im Zeitraum 2022 bis 2026 (IfM Bonn, Juni 2026). Die Welle wächst also nicht automatisch weiter, sie bleibt aber auf hohem Niveau. Und die Zahl der Stilllegungspläne zeigt, wie viele Betriebe ohne Nachfolge verloren gehen könnten.

Welche Betriebe sind betroffen?

Laut IfM Bonn betreffen die meisten Übergaben unternehmensbezogene Dienstleistungen und das produzierende Gewerbe. Die größte Gruppe sind Unternehmen mit 500.000 bis 1 Million Euro Jahresumsatz (IfM Bonn). Es geht also vor allem um kleine, inhabergeführte Betriebe und nicht um Konzerne. Gemessen am Bestand stehen in Niedersachsen die meisten Übergaben an. Mehr dazu in unserem Artikel über Betriebe mit 5 bis 100 Mitarbeitenden und in der Übersicht nach Bundesländern.

Was das für Nachfolger:innen heißt

Für alle, die gründen wollen, ist die Nachfolgewelle eine seltene Gelegenheit. Viele gesunde Betriebe mit Stammkunden, eingespieltem Team und laufendem Umsatz suchen eine Person, die weitermacht. Wer übernimmt, startet mit Kunden, Team und Cashflow ab Tag eins. Mit dem Nachfolger-Test kannst du prüfen, ob dieser Weg zu dir passt.

Was das für Inhaber:innen heißt

Wer übergeben will, sollte früh anfangen. Eine gute Nachfolge braucht meist mehrere Jahre: Der Betrieb muss so aufgestellt sein, dass er ohne dich weiterläuft, und die passende Person muss gefunden und eingearbeitet werden. Der Nachfolge-Check hilft dir, deinen Stand einzuordnen.

Fazit

Die Nachfolgewelle ist real, aber sie ist keine Flut, die alles mitreißt. Sie ist ein lang anhaltender Generationswechsel, getrieben vom Alter der Inhaber:innen und einer Familie, die seltener übernimmt. Ob daraus Stilllegungen oder Neuanfänge werden, hängt davon ab, ob genug Menschen bereit sind, weiterzumachen, was andere aufgebaut haben.

FAQ

Häufige Fragen

Wie viele Unternehmen stehen in Deutschland vor einer Nachfolge?

Laut KfW wollen bis Ende 2029 jährlich rund 109.000 mittelständische Inhaber:innen ihr Unternehmen an eine Nachfolge übergeben. Das IfM Bonn schätzt für 2026 bis 2030 rund 186.000 übergabereife Unternehmen. Beide Zahlen sind unterschiedlich abgegrenzt und dürfen nicht addiert werden.

Warum stehen gerade jetzt so viele Übergaben an?

Vor allem wegen des Alters. 57 Prozent der Inhaber:innen im Mittelstand sind laut KfW 55 Jahre oder älter, vor 20 Jahren waren es 20 Prozent. Dazu kommen fehlendes Interesse in der Familie und mehr Bürokratie.

Wie viele Unternehmen schließen mangels Nachfolge?

Laut KfW planen bis Ende 2029 jährlich rund 114.000 Inhaber:innen eine Stilllegung ohne Nachfolge. Das ist ungefähr jedes vierte mittelständische Unternehmen. Nicht jede davon wäre übernahmefähig, aber viele gute Betriebe sind darunter.

Steigt die Zahl der Übergaben weiter?

Nicht unbedingt. Das IfM Bonn erwartet für 2026 bis 2030 rund 37.200 Übergaben pro Jahr, etwas weniger als im Zeitraum davor. Die Inhaber:innen werden zwar älter, aber die wirtschaftliche Lage macht manche Übernahme weniger attraktiv.

Was bedeutet die Nachfolgewelle für Gründer:innen?

Sie ist eine große Chance. Viele gesunde Betriebe mit Kunden, Team und Umsatz suchen eine Person, die sie weiterführt. Wer gründen will, kann so mit einem bestehenden Unternehmen starten statt bei null.

Kontakt

Kunden, Team, Cashflow. Ab Tag eins.