Nachfolge
3.000 Startups im Halbjahr. 114.000 Schließungen im Jahr.
Warum wir Munay Zamorano recht geben und warum mehr Gründer:innen übernehmen statt neu anfangen sollten.
· 7 Min. Lesezeit
Heute Morgen hat das Handelsblatt ein Porträt über Munay Zamorano gebracht. Sie ist 28, hat als Werkstudentin ein Unternehmen übernommen, es später wieder verkauft und steht jetzt als selbsternannte Nachfolge-Aktivistin auf Bühnen wie dem Deutschen Gründer- und Unternehmertag. Ihre Botschaft steckt schon in der Überschrift. Sinngemäß: Die Wirtschaftskrise in Deutschland lösen nicht ein paar Tech-Startups.
Wir sehen das genauso. Und das sagen wir als Leute, die selbst gegründet haben und seit Jahren mit Startups arbeiten.
Der Gründungsboom ist echt. Er reicht nur nicht.
Im ersten Halbjahr 2026 sind in Deutschland 3.053 Startups gegründet worden. So viele wie noch nie in sechs Monaten, sagt der Startup-Verband. Rund jedes dritte davon hat einen klaren KI-Bezug. Wir freuen uns über jede einzelne dieser Gründungen.
Jetzt die andere Seite. Laut dem aktuellen Nachfolge-Monitoring der KfW wollen bis Ende 2029 jedes Jahr rund 114.000 mittelständische Inhaber:innen ihren Betrieb nach dem eigenen Ausstieg nicht weiterführen lassen. Kein Verkauf, keine Übergabe, einfach Schluss. Dem stehen etwa 109.000 Unternehmen pro Jahr gegenüber, die eine Nachfolge suchen. Damit gibt es zum ersten Mal mehr Inhaber:innen, die schließen wollen, als solche, die übergeben wollen.
Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn kommt auf rund 186.000 Unternehmen, die zwischen 2026 und 2030 zur Übergabe anstehen. Zusammen beschäftigen sie etwa drei Millionen Menschen.
Leg die Zahlen mal nebeneinander. Selbst wenn das Rekordtempo hält, entstehen aufs Jahr gerechnet gut 6.000 Startups. Die meisten davon werden in fünf Jahren keine 50 Leute beschäftigen, einige wird es gar nicht mehr geben. Das ist normal, so funktioniert Venture. Es heißt aber eben auch, dass diese Welle die Arbeitsplätze, die im Mittelstand gerade auf der Kippe stehen, nicht auffängt. Nicht mal annähernd.
Was da eigentlich verloren geht
Wenn ein Betrieb mangels Nachfolger zumacht, ist das selten eine Firma, die schlecht läuft. Die KfW schreibt selbst, dass Unternehmen mit Nachfolgeplänen in der Regel ertragsstark sind und solide Eigenkapital haben. Da hängen Kunden dran, die seit 20 Jahren bestellen. Lieferanten. Ein Team, das weiß, was es tut. Maschinen, die längst bezahlt sind.
Und das Ganze ist oft günstiger, als viele denken. Der Median bei den Kaufpreisvorstellungen liegt laut KfW bei 375.000 Euro. Die Hälfte der Inhaber:innen setzt rund 60 Prozent eines Jahresumsatzes als Preis an. In der Startup-Welt ist das eine Pre-Seed-Runde. Im Mittelstand bekommst du dafür ein laufendes Unternehmen mit Umsatz ab dem ersten Tag.
Ein Punkt geht in der Debatte fast immer unter. In Firmen, die kurz vor der Übergabe stehen, sinken die Investitionen um rund ein Drittel. Wer in drei Jahren raus will, kauft keine neue Software mehr und baut keinen digitalen Vertrieb auf. Im Umkehrschluss liegt in vielen dieser Betriebe ein ordentlicher Modernisierungsstau. Und genau da können Leute mit Startup-Erfahrung extrem viel bewegen.
Warum gerade Gründer:innen die besseren Nachfolger sind
Munay Zamorano sagt im Handelsblatt: „Nachfolge ist wie Gründen, nur einfacher.“ Wir würden ergänzen, dass es für viele Gründer:innen sogar das bessere Spiel ist.
Was du im Startup gelernt hast, ist im Mittelstand Gold wert. Du kommst mit Unsicherheit klar. Du hast schon mal Vertrieb aufgebaut, wo vorher nur einer am Telefon saß. Du führst KI-Tools ein, ohne dafür drei Beratertage zu buchen. Und du triffst Entscheidungen, bevor alle Zahlen auf dem Tisch liegen.
Im Startup setzt du diese Skills ein, um von null auf eins zu kommen. Du suchst Product-Market-Fit, verbrennst Kapital und hoffst auf die nächste Runde. Im Mittelstand ist die Eins schon da. Es gibt Kunden, die zahlen, und es gibt Cashflow. Deine Aufgabe ist es, aus der Eins eine Zehn zu machen. Das ist kein bisschen weniger anspruchsvoll. Das Risiko ist bloß ein völlig anderes.
Dazu kommt die Frage nach dem Sinn. Viele der Firmen, um die es hier geht, sitzen nicht in Berlin-Mitte, sondern in Kleinstädten und auf dem Land. Wenn dort der Metallbauer oder der Großhändler zumacht, fehlen Ausbildungsplätze, Steuereinnahmen und ein Grund für junge Leute, in der Region zu bleiben. Wer so einen Betrieb übernimmt und nach vorne bringt, hat oft mehr Impact als mit dem nächsten Tool, das es schon zehnmal gibt.
Warum es trotzdem kaum jemand macht
Die Zahlen dazu sind ziemlich ernüchternd. 2024 hat nur gut jede:r sechste Gründer:in (17 Prozent) ein bestehendes Unternehmen übernommen oder sich aktiv daran beteiligt. Seit 2002 hat sich dieser Anteil mehr als halbiert. Gleichzeitig sagen 69 Prozent der Mittelständler, die größte Hürde bei der Nachfolge sei, überhaupt jemand Passenden zu finden.
Die Unternehmen sind also da. Die Leute mit Gründergeist auch. Die beiden Seiten finden nur nicht zueinander.
Wenn wir mit Gründer:innen darüber sprechen, kommen meistens dieselben Einwände.
Nachfolge hat ein Imageproblem. Übernehmen fühlt sich für viele nach Verwalten an, nach dem Gegenteil von dem, wofür sie mal angetreten sind. Auf Startup-Events erzählt niemand stolz, dass er eine Schlosserei gekauft hat. Noch nicht.
Es gibt keinen Dealflow für Gründer. Die guten Übergaben laufen über Steuerberater, Hausbanken und persönliche Kontakte. Wer aus der Startup-Szene kommt, sitzt in keinem dieser Netzwerke.
Die Themen sind fremd. Bewertung, Finanzierung über die Hausbank, Due Diligence, die Übergangszeit mit dem Alt-Inhaber. Damit hatten die wenigsten Gründer:innen je zu tun, und das schreckt ab.
Zwei Kulturen prallen aufeinander. Die Inhaberin, die 35 Jahre lang alles selbst entschieden hat, trifft auf den 32-Jährigen mit Notion-Workspace und OKRs. Das kann großartig werden. Oder ziemlich schiefgehen.
Zamorano sagt übrigens selbst, dass man ihren Weg nicht einfach kopieren sollte. Das nehmen wir ernst. Nachfolge als Sprung ins kalte Wasser kann im Einzelfall klappen. Als Modell für zehntausende Übernahmen im Jahr taugt das nicht.
Was wir mit NachFounder anders machen
Genau deshalb gibt es NachFounder. Wir wollen für die Unternehmensnachfolge das sein, was ein guter Accelerator für Startups ist. Ein Ort, an dem Leute mit unternehmerischem Drive fit gemacht werden und Zugang zu den richtigen Deals bekommen.
Konkret heißt das:
- Wir holen Gründer:innen, Ex-Gründer:innen und Executives ab, die Lust haben, ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen und weiterzuentwickeln.
- Statt eines starren 12-Wochen-Curriculums gibt es ein kompaktes Programm, das sich nach dir richtet. Wo stehst du, was fehlt dir noch, welche Branche passt zu dir.
- Wir bringen dich mit Inhaber:innen zusammen, die jemanden suchen. Nicht über ein anonymes Inserat, sondern so, dass du den Betrieb wirklich kennenlernst. Wir fahren hin, sprechen mit der Geschäftsführung und dem Team und machen daraus kurze Video-Porträts. So siehst du, wie sich ein Unternehmen anfühlt, bevor du das erste Exposé aufmachst.
- Bei Bewertung, Finanzierung und Übergabe stehst du nicht allein da.
Unser Appell an die Startup-Szene
Wir mögen Startups. Wir brauchen mehr davon, nicht weniger. Aber wir sollten aufhören, so zu tun, als wäre die Neugründung der einzige Weg, Unternehmer:in zu werden.
Vielleicht hast du gerade einen Exit hinter dir und fragst dich, was als Nächstes kommt. Oder dein letztes Startup hat nicht funktioniert, aber angestellt sein willst du trotzdem nie wieder. Dann schau dir mal einen Mittelständler an, der jemanden sucht. Davon gibt es gerade über hunderttausend. Jedes Jahr.
Schreib uns über die Kontaktseite von NachFounder und lass uns quatschen. Und wenn du selbst Inhaber:in bist und über eine Übergabe nachdenkst, gilt das genauso.
Quellen
- Handelsblatt: „Unsere Wirtschaftskrise wird von Tech-Start-ups nicht gelöst“, 02.11.2026
- KfW Research: Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526, Januar 2026
- IfM Bonn: Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2026 bis 2030, November 2025
- Startup-Verband: Next Generation, Startup-Neugründungen in Deutschland H1 2026, Juli 2026


